​Von Big Bear nach Wrightwood

26. bis 30. April

Nach dem 80er- Jahreflair unseres Hotelzimmers in Big Bear ging es am Mittwochmorgen früh wieder zurück auf den Trail. Zu Fuß machten wir uns auf Richtung Trail, der ca. 6 Meilen entfernt war. Der Weg führte uns entlang der Hauptstraße des lang gezogenen, kleinen Bergstädtchens und nach einem kurzen Frühstück bei McDonalds (in den USA gibts Pancakes und Hashbrowns dort) nahm uns unerwartet ein Mann in seinem Auto mit und fuhr uns die noch gut 5 Meilen zum Trail. Er selbst wandere nicht, fahre lieber Rad, besonders Mountainbike. Nächste Woche komme sein bester deutscher Freund, da ein Radrennen in der Stadt sei. Jens Voigt – der Name sagte uns nichts, was unseren Fahrer etwas erstaunte. Kein Wunder – nach einem Wikipediacheck wissen wir nun dass Jens Voigt 17 x die Tour de France gefahren ist … ob unser Fahrer selbst auch ein Radfahrer ist, den man kennen sollte? Wir haben leider versäumt ihn das zu fragen …

Eine ungiftige, aber unglaublich schöne Schlange kreuzte unseren Weg

Der Wandertag führte uns dann nach einem ersten recht steilen Anstieg hauptsächlich durch Wälder und es hing stetig leicht bergab. Nach ein paar Meilen kamen wir mitten im Nirgendwo an einen Holzverschlag – zu unserer Überraschung befand sich darin ein Plumpsklo mit Solarpanel! In der Nähe war auch noch ein Picknickplatz – also ein Picknicktisch, ein Platz um Pferde zu versorgen und eine Feuerstelle. Dort machten wir Mittagspause und freuten uns über den Komfort am Tisch sitzen zu können. Eine Art Erdmaus haben wir auch noch zu Gesicht bekommen.

Diese „Erdnuckel“ kam frech hervor als wir Pause machten

Nach einem langen Wandertag mit ca. 19 Meilen schlugen wir am Abend unser Zelt an einem Bachlauf auf und wie üblich war schon vor 20 Uhr Schlafenszeit.
Am 27. ging es wie jeden morgen gegen 7:30 Uhr weiter. Der Trail schlängelte sich in unendlichen Windungen am Bergmassiv entlang. 

Selfie mit Beigabe

Mal durch buschbewachsene Steppenlandschaft, mal durch abgebrannte, kahle Hänge. In Kalifornien war bis zu diesem, wasser- und schneereichen Winter, über viele Jahre Dürre. So häuften sich in den vergangenen Jahren die Wildfeuer, durch die unzählige Hektar verbrannten. In Deutschland bekommen wir das in der Regel nur mit, wenn die Villen der Stars dabei bedroht sind. Wildfeuer sind an sich etwas natürliches (wenn sie nicht durch unachtsame Menschen entstehen). Es gehört hier zum Kreislauf dazu. Altes vergeht und macht Platz für Neues. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Natur zurück kämpft: schon nach zwei Jahren kommen Büsche wieder mannshoch, Gräser und Blumen sprießen, und verkohlte Baumstämme fangen an zu verfallen und geben so die Nährstoffe in die Natur zurück.

Trotzdem ist es schon ein erstmal trostloser Anblick.

Verbranntes Grün soweit das Auge reicht

Die Landschaft hätte auch die Kulisse der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg sein können. Atemberaubende Felsformationen und tosende wilde Flüsse soweit das Auge reicht.

Schluchten, Wasser, Felsen

Nachmittags kamen wir noch an einem Highlight des Trails in Kalifornien vorbei: heiße Quellen, mitten im Nirgendwo. In der App steht dazu, dass gerade an den Wochenenden einheimische Hippies und Nudisten hier Party machen. Campen darf man im Umkreis von einer Meile deswegen auch nicht. Als wir ankamen sahen wir schon von weitem viel nackte Haut. Als wir uns näherten entschieden wir uns dann, dass wir einfach zu prüde sind, um uns das anzutun. Zumal ich mich immer noch vorsichtig nach dem in der App angekündigten nacktem Hippie umsah, der ungefragt und ungebeten Umarmungen verteilen soll. Ein paar Meter daneben, von Felsen geschützt, fanden wir ein weiteres Becken, welches zwar nur lauwarm war, aber dafür ganz für uns alleine hatten. 

Heiße Quellen fließen in künstliche Becken

Dort erfrischten wir uns kurz und fotografierten die relativ zahmen Eichhörnchen, die neugierig zu uns kamen.

Ganz schön neugierig

Der weitere Weg führte uns wieder an Berghänge geschmiegt, immer dem Fluss folgend und leicht abfallend Meile um Meile aus dem Massiv. An dessen Ende war eine Talsperre angelegt, wohl als eine Art Sicherheit. Zumindest sahen wir nichts was sie aktuell stauen würde. Zeltplätze gab es über viele Meilen keine, und so konnten wir erst bei Einbruch der Dämmerung auf einer Sandbank an einem Bächlein unser Nachtlager aufschlagen. Etwas stolz schliefen wir ein, hatten wir doch an diesem Tag die 300 Meilen Grenze überschritten. 
Am nächsten Tag wurden wir wieder gegen 6 Uhr wach, als die ersten Hiker unweit unseres Lagers auf dem Trail vorbeizogen.
Der Vormittag war geprägt vom Verlangen nach Pizza. Dazu muss man erklären, dass in der App in 15 Meilen ein Picknickplatz angezeigt wurde, auf den man sich angeblich Pizza liefern lassen kann. So etwas motiviert!

Die Wüste blüht überall in tollen Tönen

Die Landschaft war sehr „wüstig“, also sandiger Weg, viele Büsche und Sträucher und wenig Schatten.
Flussüberquerungen leicht gemacht

Nach einen leichten Anstieg gingen uns plötzlich die Augen über. War das Bild vorher noch braun in braun und alles vertrocknet, so eröffnete sich mit einem Mal ein Anblick auf einen blauen Bergsee, gesäumt von bewaldeten Hängen, weiße Kies- und Sandstrände in kleinen Buchten. Das hätte auch durchaus die Küste einer griechischen Insel sein können, aber es war in Kalifornien, auf 1100 Metern Höhe. Um dessen Einsäumung liefen wir in sanften Bögen herum.  

Ein traumhafter Bergsee, mitten in der Highdesert

Ca. 2 Meilen vor besagtem Picknickplatz riefen wir bei der Pizzeria an. Die Frau am Telefon war sehr freundlich. Sie schien das schon öfters erlebt zu haben. Wir bestellten eine große „mit allem“, einen gemischten Salat und eine Flasche Cola. Schon eine Stunde später konnten wir an einem Tisch (!) unser Menü genießen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie toll das ist! Richtiges Essen! An einem Tisch!

Yummy! Darum beneideten uns andere Hiker!

Gut gesättigt gingen wir am Nachmittag weiter. 15 Meilen hatten wir schon, da sollten 20 drin sein. Zumal das nächste Ziel am nächsten Tag ein McDonalds war, und wenn wir früher da wären, können wir noch Frühstück und Mittagessen bestellen.
Nach weiteren 6 Meilen machten wir Feierabend, bauten unser Innenzelt auf einem geraden Flecken Sand auf und fielen in einen von Zugsignalen, Froschgequake und Grillengezirpe gesäumten Schlaf.

Samstag früh schliefen wir etwas länger und waren erst um 8:30 Uhr abmarschbereit. Der Trail schlängelte sich wieder über Hügel und durch Täler, bevor er auf die große Interstate traf. Nach 500 m kamen wir beim McDonalds an, gerade rechtzeitig zur Mittagszeit. Zwei Bestellrunden später waren wir gesättigt, hatten getrunken und einen Kaffee zum Abschluß intus. Gestärkt kamen wir 2 h später wieder auf den Trail, der uns diesesmal einen ordentlichen Anstieg über unzählige Kämme und Serpentinen bescherte. Die Landschaft wechselte fast stündlich. Dominierte zu Beginn noch ein helles braun mit kargem Bewuchs auf schroffen Hügeln, so waren im Hintergrund bereits wieder Grüntöne auf höheren Bergen zu sehen. Am Horizont allgegenwärtig die schneebedeckten Gipfel der 3000-er. 

Da gehen einem die Augen über

Durch das Tal führten mehrere Straßen und Eisenbahnlinien. Irgendwo war immer ein langer Güterzug zu sehen, was das ganze von oben gesehen wie eine Märklin-Modelleisenbahnlandschaft wirken ließ.
Der folgende Anstieg auf ca. 1600 m war an sich nicht schlimm, der Weg war aber kontinuierlich „links der Berg, rechts der Abhang“, das ist auf Dauer ganz schön nervenaufreibend.

Der Weg ist noch relativ human

Ein falscher Tritt, einmal gestolpert, und das wars dann.
Gegen 19 Uhr und 18,5 Meilen später fanden wir doch noch ein nettes Plätzchen oben am Berg, mitten in einem Gebiet wo es letztes Jahr gebrannt haben musste. Die Nacht war klar und versprach kalt zu werden. Die Füße taten ordentlich weh und Irenes Schuhe zeigen nach 350 Meilen die ersten Anzeichen von Zerfall. Mal schauen wie lange sie noch halten.

Heute morgen weckte uns dann die aufgehende Sonne mir ihren wärmenden Strahlen.

Sonnenaufgang in den Bergen

Die Nacht war nicht so kalt wie befürchtet. Nach kurzem Frühstück machten wir uns auf den Weg, die restlichen 12,5 Meilen nach Wrightwood.

Pause im Schatten. Zum Glück kann man den Rucksack auch als Sitz missbrauchen.

Zunächst ging es wieder an Steilhänge geschlungen um die Berge bis auf ca. 2600 m. Dort nahmen wir dann die Abzweigung über den Acorntrail, der sehr steil abwärts nach 2,5 Meilen nach Wrightwood führte. Wrightwood ist wieder, ähnlich wie Idyllwild, ein verschlafenes Bergdorf mit dem Nötigsten.  Also ein paar Lokalen, Supermarkt und einigen Hotels/Motels/Lodges. Wir entschieden uns, da wir auch nur eine Nacht bleiben, für die 90 $ Motelvariante.  Flux noch eingekauft für die nächsten 4 Tage,

Essen für 4-5 Tage

Wäsche gewaschen und natürlich den Hikerdreck abgeduscht. Morgen geht’s dann weiter, immer näher Richtung Kennedy Meadows, dem Ende der Wüstensektion und Beginn der Highsierra. Mehr als die Hälfte dahin haben wir bereits.

Wir sind nicht weit von Los Angeles weg.

By the way: wer kennt diese Frucht? Wächst an einer Art Efeu/Wein- Ranke.

14 Gedanken zu „​Von Big Bear nach Wrightwood&8220;

  1. Vielen Dank! Schön wieder so ausführlich an Eurem Abenteuer teilzunehmen. Freu mich schon auf die vielen weiteren Bilder, die Ihr sicher habt.
    Und ganz großen Respekt!
    Liebe Grüße aus München!

  2. WOW,WOW,WOW!!
    Vielen dank für euren tollen Bericht!Es macht großen Spaß diesen zu lesen u die Bilder zu bestaunen.
    By the way, ich kenn die Frucht nicht :o. Wann kommt die Auflösung?

  3. Hallo ihr beiden
    Danke für den tollen Bericht mit den schönen Bildern. Mutter hat gleich auf dem Pitzabild die Zigaretten entdeckt!
    (Von wegen aufhören)
    Gruß von uns und Jony dem Killer

  4. es macht richtig spass euch beide auf dieser reise begleiten zu dürfen, danke dafür. passt gut auf euch auf 😉 lg

  5. Hallo ihr ZWEI,

    Danke für die schöne Karte und weiterhin alles GUTE – und denkt immer daran es gibt auch giftige Schlangen.

    Grüße Monika

  6. Hi ihr Zwei wahr wieder Spannend zu Lesen und die Schlange war sehr Schön zu sehen.Mach weiter so ihr seit ein tolles Team und Passt auf euch auf.Gr.Rainer.

  7. Wie schön, dass wir ein wenig von eurem großen Abenteuer bequem von zu Hause verfolgen dürfen. Und schaut an, da lernt man sogar im fernen USA etwas über deutsche Radsportler?… den Namen echt nie gehört?
    Kommt weiter gut voran und bleibt vor allem gesund.

  8. Ihr Lieben, beneidenswert, was Ihr so alles seht und erlebt! Ich freue mich mit Euch! Liebe Grüße!! Mama

  9. Liebe Nene, lieber Stephan,
    bin gestern erst auf euer unglaubliches Abenteuer aufmerksam gemacht worden. Es gibt kaum Worte, die nicht schon benutzt wurden, um diese grandiose Leistung zu beschreiben, bzw. zu würdigen. Für den heutigen Tag (Happy birthday liebe Nene!!!) wünsche ich euch ganz besonders viel Freude!!! Bleibt fröhlich, fit und munter und genießt dieses außergewöhnliche Erlebnis.

    Herzliche Grüße, Marc

  10. Liebe Nene!
    Ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Gesundheit, Erfolg ,viel Freude mit der
    Familie und Deinen Freunden! Das schönste Geschenk habt Ihr Euch mit dieser tollen Reise ja schon selbst Gemacht. Hoffentlich geht es in diesem Stil weiter! Liebe Grüße an Steffan und Dir alles erdenklich Gute! In liebe Mama

  11. Hallo ihr Beiden,
    ich lese immer ganz gespannt die toll geschriebenen Berichte, zusammen mit den schönen Fotos ist man immer irgendwie bei euch. Liebe Irene, würdest du bitte nächstes Mal den Rucksack zum Daraufsetzen nicht so nah an den Abhang legen, ich würde euch beide gerne wieder zusammen heil sehen. Respekt was ihr zwei da leistet. Bis zum nächsten Bericht, macht es gut, lasst es euch möglichst gut gehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.