Von Aqua Dulce nach Tehachapi (Meile 558)

Wie geplant brachen wir nach einem interessanten Abend in Hikerheaven und einer Nacht im Bett dort früh auf, da wir das angekündigte kühlere Wetter ausnutzen wollten. Vor uns lag eine der als besonders heiss und kaum Schatten bietenden Etappen, und auch ein ordentlicher Höhenanstieg. Wir genehmigten uns im Cafe ‚Home made‘ in Aqua Dulce noch ein kleines Frühstück und gegen 8 Uhr waren wir dann zurück auf dem Trail. Zunächst zog der sich über einige Meilen durch den Ort, der gekennzeichnet ist von vielen Ranches und weit voneinander entfernten Häusern. Nach einigen Meilen ging es dann zurück in die bergige Einsamkeit, und zu unserer grossen Erleichterung blieb es bewölkt und kühl – es begann sogar leicht zu regnen. 

Wolken, Nebel und etwas Nieselregen. Herrlich!

Ein eiskalter Wind dazu – und zu unserer grossen Überraschung begannen wir sogar zu frieren! So zogen wir mit Fleecejacke und Handschuhen die Berge entlang und kamen gut voran. Am frühen Nachmittag packte uns der Ehrgeiz – wir könnten es schaffen, noch am Abend Casa de luna in Green Valley zu erreichen – eine weitere Familie, die Hiker zuhause bei sich aufnimmt und von deren legendären Tacosalat zum Abendessen und Pancakes am Morgen wir schon viel gehört hatten. Wir schafften es – gegen 19 Uhr kamen wir dort an – ziemlich geschlaucht von diesem langen Tag, aber auch stolz und erleichtert, wir sind an diesem einen Tag tatsächlich 40 km gelaufen! Dort waren schon etwa 25 weitere Hiker, die sich gerade über den Tacosalat hermachten – wir wurden herzlich von der Hausherrin begrüßt und dann futterten wir auch begeistert und sehr hungrig. Zu unserer Überraschung trafen wir dort auch auf ‚Rolling Thunder‘, einen Neuseeländer, den wir schon vor Beginn des Trails bei Frodo und Scout kennengelernt hatten. Er war zum Helfen für 10 Tage in Casa de luna. 
Dann sahen wir 2 weitere Hiker wieder – Stefanie und Sebastian, die mit uns am 8. April zusammen gestartet waren, die wir seit dem ersten Tag aber nicht mehr gesehen hatten (die beiden waren einfach schneller als wir). Die Überraschung war gross und ab dem nächsten Morgen liefen wir gemeinsam weiter. In Casa de luna können Hiker im riesigen Garten der Familie zelten. Nach dem reichhaltigen Pancakefrühstück bedankten wir uns und los ging es zurück auf den Trail. 3 weitere kühle Tage waren angekündigt – die wollten wir unbedingt nutzen. Denn vor uns lag u. a. eine der berüchtigsten Etappen – der lange Weg am Aquädukt entlang … aber bis dahin war es noch ein weiter Weg von gut 50 Meilen. 

Die Sonne bruzelte nicht ganz so stark wie in den Wochen zuvor.

Gemeinsam mit Stefanie und Sebastian wanderten wir durch die Berge – auf einer Strecke, auf der es nur sehr wenige Wasserquellen gibt. Man muss also gut planen und so entschieden wir uns nach ca. 18 Meilen, auf einem Zeltplatz die Nacht zu verbringen, bei dem ein Bächlein eine der wenigen Wassermöglichkeiten bot. Die nächste Stelle mit Wasser wäre mehr als 5 Meilen entfernt gewesen und leider auch nicht sicher, ob dort wirklich Wasser vorhanden wäre. Uns steckten auch noch die 40 km vom Vortag in den Knochen. 

Wir bauten also die Zelte auf, aßen gemeinsam und zur ‚Hikermidnight‘ (also Sonnenuntergang gegen 20 Uhr) lagen wir bereits in den Zelten. 

Morgens ging es dann bereits sehr früh weiter – wir wollten versuchen, bis vor das Aquädukt zu kommen – 24 Meilen. Ein langer Tag mit etlichen Höhenmetern – und trotz des kühleren Wetters wurde es stetig wärmer – kein Wunder, wir liefen direkt auf die Mojavewüste zu … kühler heisst dort nicht kühl, sondern nicht ganz so gnadenlos heiss … 

Auf dem Weg passierten wir die 500-Meilen-Marke. Ein weiterer Meilenstein.

500 Meilen in gut einem Monat

Die letzten 6 Meilen vor unserem Tagesziel läuft der Trail über Privatgelände – man darf auf dem Trail durchlaufen, aber nicht campen. Die Beine wurden schwer, die Anstiege zehrten an uns – aber es lockte ‚Hikertown‘. Kein wirklicher Ort, aber eine ehemalige Ranch, auf der Hiker übernachten könnten. Leicht skurril hiess es, sei es dort. Ist es auch. Ein großes Gelände auf dem kleine Holzschuppen im Wildweststyle, Trailer und ein Wohnhaus stehen. Für 10 Dollar kann man dort übernachten und für alle gemeinsam gab es eine Toilette in einem der Trailer, eine Dusche und einen Wasserhahn zum Wasserauffüllen.

Hikertown – Wildwestromantik zu fairen Preisen

Bob, der Besitzer der Ranch, wies jedem ein Zimmer zu und verschwand dann in seinem Haus. Den Bildern und Auszeichnungen an den Wänden unseres Zimmers nach scheint er ein ehemaliger Filmmensch (hinter der Kamera) zu sein. 

Zimmer und Bett waren etwas schäbig, so dass wir lieber in den Schlafsäcken schliefen

Wir fuhren noch schnell mit einem Shuttle ins 3 Meilen entfernte Dorf und aßen dort im kleinen Laden etwas und stockten unsere Vorräte auf, und schon war es wieder Hikermidnight und alle verschwanden in ihren Betten. 
Und dann war er da. Der gefürchtete Tag – das Aquädukt von Los Angeles entlang. Endlos scheinende 17 Meilen geradeaus durch die platte Wüste – ohne Schatten. Ohne Wasserquelle. Jeder wollte das so schnell wie möglich hinter sich bringen. 

Morgens um 5 standen deshalb die meisten auf und gingen los – wir auch. 

17 Meilen. Schnurgerade auf und neben dem Aquädukt, das aus den kalifornischen Bergen seit 100 Jahren Wasser nach L. A. transportiert.  

Wir liefen und liefen. Geradeaus. Die Sonne ging auf und stieg immer höher. Kein Wölkchen war in Sicht. Die Sonne brannte vom Himmel. 

Links unter dem Beton verläuft das Aquädukt.

Ab und an wehte ein kleines Lüftchen – aber leider keine Wolke, die die Sonne mal etwas weniger gnadenlos hätte scheinen lassen. So liefen wir und liefen – und bereits gegen Mittag hatten wir es geschafft – das Aquädukt war geschafft!

Monotonie über 17 Meilen

An einer Brücke dahinter gab es Wasser (per Hahn direkt aus dem Aquädukt) und unter der Brücke sogar etwas Schatten! Gemeinsam mit weiteren Hikern (natürlich auch mit Stefanie und Sebastian) erholten wir uns dort, tranken literweise Wasser und freuten uns, die so gefürchtete Strecke geschafft zu haben. 
Nach einer Pause von knapp 2 Stunden half es aber nichts – wir mussten weiter. Die nächsten Zeltplätze waren noch Meilen entfernt – und das in den Bergen, die nach dieser kurzen Unterbrechung der Wüstenebene nun wieder begannen. Froh und müde machten wir uns an den Aufstieg – es wurde sehr windig, und trotzdem blieb es heiß – nach insgesamt 24 Meilen an diesem Tag (schon wieder 24!) kamen wir endlich an einem Zeltplatz mit Bach an. Wir beschlossen zu bleiben und wollten unser Zelt aufbauen. Daraus wurde jedoch leider nichts, denn die Zeltstange wollte leider nicht mitspielen. Fast 1 Stunde versuchten wir, sie zu reparieren, und gaben dann auf. Leicht entnervt und todmüde entschieden wir, trotz heftigen Windes halt ohne Zelt unter freiem Himmel zu schlafen – so war wenigstens sicher, dass wir trotz der vorherigen anstrengenden Etappen sicher sehr früh aufwachen würden. 

Irene beim sogenannten ‚Cowboycampen‘

Die Nacht war sehr unruhig, der Wind ließ erst sehr spät nach und so standen wir noch im Dunkeln auf, packten zusammen und brachen schon vor 6 Uhr wieder auf. 

Der Vollmond verschwindet morgens hinter den Bergen

Es ging hoch – sandige Berghänge, die den Aufstieg ziemlich anstrengend machten. Es war wie am Strand im tiefen Sand – aber halt den Berg hinauf … 

Die Flora wechselt immer wieder

Zwischendurch passierte uns wieder einer der Reiter, die den PCT zu Ross absolvieren. Dieser hatte sogar zwei Pferde und scheint ohne Supportfahrzeug zu reisen. Hat was von Wildem Westen und ist bestimmt auch ein sehr tolles Erlebnis.

Der Marlboro-Man bei der Arbeit

17 Meilen standen auf dem Tagesziel – und am Ende der 17 Meilen die Kleinstadt Tehachapi. Hotel. Cafe. Essen. Internet und eine Dusche .. all das lockte und motivierte uns. Und das Zelt repariert kriegen – auf nach Tehachapi! Unterwegs kamen wir wieder an einer riesigen Windfarm vorbei. In den hiesigen Tälern bläst es auch ordentlich, so dass sich das hier zu lohnen scheint. Windräder – ältere und neuere – soweit das Auge reicht!

Die Kamera erfasst nur einen Bruchteil Anlagen.

Nach endlos scheinendem Anstieg ging es ab Meile 8 dann endlich langsam die Berghänge hinunter Richtung Stadt – und nach insgesamt 17 Meilen hatten wir es geschafft! Wir sind in der Stadt, sind geduscht und die Wäsche ist auch schon gewaschen. In den letzten 5 Tagen sind wir 104 Meilen (164 km) gelaufen – insgesamt sind wir jetzt schon bei Meile 559! Das sind 899 km! 
Stephan rief noch direkt die US-Herstellerfirma des Zelts an – sie schicken tatsächlich kostenlos per Overnightexpress neue Zeltstangen. Ein funktionierendes Produkt wäre zwar noch besser, aber was Service betrifft ist MSR (Cascadedesigns.com) echt top!

Zur Post sind wir auch noch eine Meile gelaufen, um zwei Pakete abzuholen.

Die Post liegt leider etwas auswärts der Stadt. Aber wir lieben es von den Durchschnittsamis aus dem Auto heraus angegafft zu werden wenn wir am Freeway entlang laufen. „Die spinnen, die laufen??!!!“

Ein neuer Handyakku für Stephan, neue Socken, Entkeimungstropfen und vor allem neue Schuhe. 

Alt neben neu – 900 km haben ihre Spuren hinterlassen

Jetzt bleiben wir erstmal bis Samstag früh hier und das sind dann insgesamt 3. und 4. Tag seit Beginn am 8. April, an dem wir uns den Luxus eines freien Tags – ohne Wandern – gönnen werden.

Ein Zimmer im Hotel – jippi!

Heute und morgen werden wir noch die weiteren Etappen planen, Essen kaufen für unterwegs, und vor allem Kalorien reinhauen soviel geht. In einer deutschen Bäckerei haben wir direkt einen tonnenschweren Apfelkuchen gekauft. Nur noch 125 Meilen bis Kennedy Meadows, dem Ende der Wüste und Beginn der Highsierra. Uns geht schon etwas die Düse vor dieser neuen Herausforderung und wir haben ernsthafte Zweifel ob wir das so früh bei all dem Schnee meistern können. 
Man wird sehen. Bis bald,

Stephan und Irene 

17 Gedanken zu „Von Aqua Dulce nach Tehachapi (Meile 558)&8220;

  1. Ich finde eure Beschreibungen total spannend und freue mich immer wieder auf neue Berichte von Euch! Weiterhin gutes Gelingen!

  2. Wieder mal sehr spannend und fast direkt dabei ?. Ich beneide euch schon , denn das was ihr alles seht ist einfach genial . Ich wünsche euch weiterhin gutes Gelingen ,Durchhaltevermögen. ….und passt auf euch auf ?

  3. Als ich Paket las, dachte ich schon, ihr hättet euch Johnny schicken lassen. Seid beruhigt. Ich klau ihn doch nicht??

  4. Genießt die freien Tage! Ich hätte Euch gern getroffen, aber Ihr lauft einfach zu schnell. 🙂
    Freu mich schon auf die nächsten Berichte.
    Liebe Grüße

  5. Ihr Lieben, Danke für einen weiteren spannenden Reisebericht! Bin in Gedanken ganz viel bei Euch, viel Glück und Spaß auf der nächsten Etappe!

  6. Hallo ihr Lieben
    Ruht euch jetzt schön aus, macht euch zwei schöne Tage, die habt ihr euch redlich verdient. Den ihr kommt bald in das Bärengebiet dann müsst ihr Reserven haben um Fersengeld zu geben, wenn die Burschen nach dem langen Winter hungrig aus den Höllen kommen.
    Gruß von zuhause und Jonny

  7. Hi ihr zwei Hiker weiter so, jede weite Tour fängt mit dem ersten Schritt an und ihr seit ja gut dabei.Also schön weiter Ihr müsst buckeln bis die Schwarte knackt 😉 sonst wird das nicht. 🙂 aber ihr seit Taff und Iren ist ja auch Super dabei und der Barde hat sogar noch zeit Videos zu machen ich habe mir da bestimmt schon ca.30 x an gehört Muaaa.Also Aufpasse und bis nächtes mal.Gr.Rainer.

  8. Lieber Stefan, ganz herzliche Glückwünsche zum Geburtstag: Gesundheit, Erfolg im Job und viel Freude mit Familie und Freunden! Das schönste Geschenk habt Ihr Euch ja schon mit der Reise gemacht; hoffentlich geht es so gut weiter-
    ohne Bärenbesuch oder ähnliches. Liebe Grüße an Dich und Nene! Laß Dich heute schön Feiern und seid beide ganz herzlich gegrüßt von Deiner Schwiegermutter Gabriele

  9. Hallo Stephan
    herzliche Glückwünsche zum. Geburtstag von Mutter und mir und Jonny.
    Wir wünschen Dir Gesundheit, Ausdauer, gesunde Füße und keine unangenehmen Überraschungen auf eurer Tour
    Kommt gesund nach hause.
    Gruß Vater

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