Von Mammoth Lakes zum Sonora Pass

Da wir am Vorabend erst um 20 Uhr am Campingplatz ankamen, konnten wir nur noch duschen und Wäschewaschen. Einen kurzer Gang um den Block nutzten wir, um etwas in die Bäuche zu bekommen. Leider hatten die Lokale und Imbissbuden alle um 21 Uhr schon geschlossen. Das brachte uns allerdings auch noch zwei kostenlose Stücke Pizza ein, da der Laden gerade schließen wollte und das der Rest in der Wärmetheke war. Katsching! Bingo! 

Am morgen suchten wir uns erstmal ein kleines Frühstückslokal und machten uns dann auf den Weg zum Supermarkt, Outdoorladen (für neues Gas) und zur Post, denn dort warteten Stephans Briefwahlunterlagen. Diese hatten wir vor Wochen zu Irenes Cousine nach Seattle schicken lassen und diese hatte sie dann weitergeleitet als klar war, wo wir sein werden. Auch im Ausland sollte man von seinem Wahlrecht Gebrauch machen!

Was kreuz ich nur an?

Am frühen Nachmittag suchten wir uns einen geeigneten Platz zum Trampen. Der Trailhead war 15 Meilen entfernt und der Bus dorthin hat seinen Betrieb letzte Woche eingestellt. Schon nach 5 Minuten hielt ein netter Herr an. Er wollte genau dorthin um vor einem Termin etwas zu spazieren. Er ist freischaffener Yogalehrer und Masseur und hatte erst vor kurzem ein kleines Business in Mammoth eröffnet.
In Reds Meadows angekommen knurrte uns schon wieder der Magen, und so ließen wir uns noch etwas Zeit mit dem Abmarsch. 

Nach ein, zwei Meilen fanden wir am Trail auf einem Baum ein nagelneues iPhone. Stephan sah noch die gespeicherten Nummern durch um evtl. jemanden anzurufen, als unser Yogalehrer des Weges kam und freudig sagte, dass es seines sei, und er es schon suchte. So schloss sich der Kreis des Helfens wieder.
Kurz darauf erreichten wir Devils Postpile, eine vulkanische Gesteinsformation, bei der die Lava zu sechseckigen Säulen erstarrt ist. Wer schon mal in Irland den Giants Causeway gesehen hat, weiß was gemeint ist. Sieht sehr bizarr aus!

Devils Postpile – sehr bizarr

Der Himmel bedeckte sich wieder mit dunklen Wolken und es grummelte in der Ferne. So schlugen wir schon nach 5 Meilen an einem Fluss das Zelt auf. Schon beim Aufbau umkreiste uns ein blauer Vogel. Wie eine Nachfrage bei einem Ranger ergab, handelt es sich um einen Diademhäher (Stellers Jay). Wir hatten diese Vögel vor allem in Südkalifornien oft gesehen. Er war relativ aufdringlich und hatte es offensichtlich auf Futter abgesehen. Unsere am Boden liegende Ramen-Packung flog er zielgerichtet an und pickte drauf los. Aber da wir wegen der Bären eh alles sicher verstauen, machten wir uns da keine größeren Sorgen.

Der aufdringliche Diademhäher

Nachdem wir im Zelt waren, fing es auch gleich noch zu hageln an. Murmelgroße Klumpen – viel mehr hätte das Zelt vermutlich nicht ausgehalten. 

Das hat ganz schön geprasselt

Am folgenden Morgen war es sehr kalt, zumindest die erste Stunde bis die Sonne über die Baumwipfel kam. Es stand wieder eine Passüberquerung an, dementsprechend ging es meist bergauf. Am späten Nachmittag zog der Himmel wieder zu, und ein paar Meilen vor dem Pass begann es zu regnen. Erst warteten wir unter einem großen Baum und hofften dass es wieder aufhörte, allerdings wurde es immer schlimmer und begann zusätzlich wieder murmelgroß zu hageln und genau über dem Pass heftig zu gewittern. So entschieden wir dass wir es unmöglich noch über den Pass schaffen konnten und suchten uns im Regen einen Zeltplatz. Der Hagel sorgte für einen weißen Boden, so dass das Laufen gar nicht einfach war. Immer wieder verbargen sich Pfützen unter der weissen Schicht und wir hatten schnell klatschnasse Füße. Endlich stand das Zelt und wir saßen bibbernd darin und versuchten uns zu wärmen. So bekamen wir einen Eindruck davon, wie schnell man bei so einem Wetter hypothermisch werden kann, eine gefährliche Situation.
Nach einer kühlen Nacht machten wir uns auf den Weg zum Pass. Durch den mittlerweile zu großen Eisflächen gefrorenen Hagel war es ziemlich rutschig und man musste sehr aufpassen.

Einer der vielen Pässe

Nach dem Pass ging es nur noch bergab, meist entlang von rauschenden Bächen. Das Tagesziel war Tuolumne Meadows, ein Campingplatz mit kleinem Shop und einem Imbissstand, am Rande des Yosemite Valleys gelegen. Dort würden wir für die nächsten Tage aufstocken. Am Nachmittag erreichten wir es dann auch und freuten uns über ein gutes Essen und einen Kaffee. Wir trafen dort auch einige Bekannte wieder. Der Laden war nicht sonderlich gut ausgestattet, was aber wohl auch daran lag dass er in Kürze für diese Saison schon wieder schließt und nicht mehr nachkauft.
Auf dem Campground war viel los, aber wir bekamen ein nettes Plätzchen auf der Hikerwiese, inkl. Tisch und Bärenbox. Am Abend gab es sogar noch einen kleinen Lagerfeuer-Vortrag eines Rangers über eine Vogelart, sehr spannend und enthusiastisch vorgetragen. Ausserdem erfuhren wir, dass derzeit etwa 300 Bären im Park leben und gerade eine Mama mit drei (!) Bärenkindern den Fluss entlang streift. Am Ende wurde das Erlernte noch pädagogisch wertvoll durch ein umgetextetes Mitsinglied vertieft.

Der Ranger machte das echt gut!

Als wir morgens aufwachten, war es bitterkalt, der riesige Zeltplatz im Yosemite National Park liegt auf gut 2600 m und hat in diesem verrückten Schneejahr erst zum 1. August öffnen können – und am 24. September wird er schon wieder schließen. Kein Wunder bei dieser Eiseskälte … wir packten schnell zusammen und köchelten unser Frühstück, aber es war so kalt, dass unsere Hände und Füße vor Kälte weh taten. Deshalb kehrten wir doch nochmal kurz in den kleinen Laden am Zeltplatz ein und gönnten uns einen heißen Kaffee. Und in dem Laden war es schön warm! Als der Kaffee getrunken war, waren auch Hände und Füße aufgetaut und so machten wir uns auf. Der PCT führte uns weiter durch den Yosemite Nationalpark, vorbei an sprudelnden Mineralwasserquellen, uralten Pinien verschiedener Arten und vor allem – nichts neues – bergauf und bergab und wieder bergauf.

Mächtiger Baum

Die Berge wurden nach und nach etwas weniger hoch, jeder Pass, den wir überquerten, war ein klitzekleines bißchen weniger hoch als der vorige.

1000 Islands Lake – sehr schön

Das heißt aber nicht, dass der Weg leichter oder etwa nicht steil wäre. Der Weg führt in diesem Teil viel über schroffe Granitfelsen, ab und zu mit dazwischen gehauenen Stufen. Wir hatten uns für die Sierra sowieso vorgenommen, nicht zu hetzen und diesen letzten Abschnitt zu genießen, wir haben dafür zum Glück noch ausreichend Zeit. Allerdings macht der Weg hier das Wandern auch schwer, trotz unserer inzwischen erwanderten Muskeln und Erfahrung sind wir langsamer unterwegs als bisher, zudem sind die Tage bereits merklich kürzer. 32 km pro Tag ist in der Sierra unser Tagesziel, meistens schaffen wir das auch, aber an 40 km und mehr ist nicht zu denken. Zum Glück hat sich das Wetter gebessert, es ist zwar deutlich kühler und nachts und morgens bitterkalt (inkl. Raureif), aber seit Tuolumne Meadows hat es nicht mehr geregnet oder gehagelt, und dafür sind wir sehr dankbar! 

Die High Sierra haben wir nun hinter uns, und damit auch die gefürchteten schwierigen bis unmöglichen Flussüberquerungen. Im Juni und Juli waren die Flüsse und Bäche noch reißend und die Überquerung teilweise sehr gefährlich, nun im September jedoch nicht mehr. Die meisten sind so zurückgegangen, dass wir sie sogar ohne nasse Füße überqueren konnten, indem wir von Stein zu Stein hüpften. Nur zwei- oder dreimal mussten wir tatsächlich Flüsse durchwaten, aber höher als bis knapp unters Knie ging das Wasser dabei nie. Zum Glück – denn gerade vor diesen Flussüberquerungen hatten wir gehörig Respekt, waren doch im Juni/Juli mehrere Wanderer dabei zu Tode gekommen. Gerade wegen dieser Gefahren hatten wir die High Sierra im Mai übersprungen. Und es war genau die richtige Entscheidung, jetzt liegt so gut wie kein Schnee mehr und die Flüsse sind nicht mehr gefährlich – nur noch eiskalt! Kneippkur inklusive – erfrischt Körper und Geist! Wir begegneten vielen Hirschen, vor allem Mütter mit Bambis, die uns mehr oder weniger ungerührt anschauten und zwar scheu, aber nicht besonders ängstlich waren.

Die Kitze haben noch die typischen Flecken auf dem Fell

Da jetzt hier leider die Jagdsaison beginnt, hoffen wir inständig dass viele sich in den Nationalpark verziehen, sobald die ersten Schüsse knallen. Denn dort wird nicht gejagt. Am letzten Etappentag haben wir einige Jäger mit geschulterten Flinten und Packtieren gesehen.

Kurz vor dem Sonora Pass trafen wir auf einige Jäger und ihr Maultier

Vor uns liegt noch eine letzte lange Etappe vom Sonora Pass über South Lake Tahoe bis nach Truckee, der Stadt, bei der wir Ende Mai nach Überspringen der Sierra wieder auf dem PCT eingestiegen sind. Nach einer Woche Wandern sind wir nun für eine Nacht in der Mini-Westernstadt Bridgeport, gönnen uns eine Dusche, waschen unsere Wäsche, futtern und füllen unsere Vorräte ein letztes Mal auf. Noch eine Woche auf dem PCT liegt vor uns, dann haben wir es tatsächlich komplett geschafft! Es ist ein seltsames Gefühl – einerseits traurig, dass es bald vorbei ist, andererseits auch heiß ersehnt. Wir freuen uns unbändig auf Zuhause, unsere Familien, Johnny und unsere Freunde (und auch auf unsere Couch!!!).

Hier noch ein paar Impressionen der vergangenen Woche:

Schroffe Felsen der Highsierras
Immer wieder tolle Bergseen
Tosende Wasserfälle 
Die Höhensonne macht wieder Farbe
Frühstück um den Gefrierpunkt
Teils sehr ausgetretene Wege
„Tu mal so als wenn du läufst!“
Irene vor dem Sonora Pass – so windig war es bisher noch nie!

10 Gedanken zu „Von Mammoth Lakes zum Sonora Pass&8220;

  1. Tolle Bilder, wie immer super schön von Euch zu hören!
    Super (und wichtig), dass es auch mit dem Wählen geklappt hat.
    Ich wünsch Euch eine tolle letzte Etappe!

  2. Hallo Irene Hallo Stephan kommt gesund zurück ich freue mich euch persönlich kennenzulernen auf der Mitgliederversammlung von DSN bis bald weiterhin alles Gute LG.Grüsse aus Nürnberg Isolde

  3. wow…. fast geschafft….. gottseidank oder leider ?
    wir alle freuen uns, wenn ihr wieder gesund und munter bei uns ankommt 😉
    viel Glück noch auf den letzten Meilen 😉 lg

  4. Hi schön das ihr euch wieder Meldet klasse Bilder und das Kalte Stimmt euch schon mal auf Deutschland ein 😉 aber ihr müsst ja noch ein wenig Laufen 🙂 und dann habt ihr es ja geschafft.Seit weiter Vorsichtig und habt vor allem Spass.By By.Rainer 😉

  5. Ihr lieben, schön, wieder von Euch zuhören und vielen Dank für die wunderschönen Bilder! Wettermässig habt Ihr ja nichts ausgelassen! Hoffentlich klappt der Rest auch so gut; ich freue mich schon sehr auf Eure Ankunft in Muenchen! Die letzten Tage war ich auch wieder mal unterwegs, auf einem Treffen mit unserem Inner-Wheel-Kontaktclub in Bern. Euch beiden alles,alles Gute und ganz liebe Grüße! Mama

  6. Hey.

    wirklich cool euer Blog, macht mir richtig Vorfreude auf nächstes jahr 😉

    Hab noch so paar Fragen, wenn ihr Zeit habt würde ich mich um kurze RÜckmeldung freuen.

    – Handyvertrag/ Prepaidkarte: habt ihr euch in den USA was zugelegt? Oder nutzt ihr eurer Handy nur im WLAN in den Orten? Was könnt ihr empfehlen?

    – Rucksack: wie schwer sind eure Rucksäcke? Und kommt ihr damit klar?

    Viel viel Spaß auf den letzten Meilen und genießt es!

    Viele Grüße aus Deutschland.
    Patrick

    1. Hi Patrick,
      Wir haben drüben einen AT&T-Vertrag gemacht wegen Datennetz. Kostet allerdings ca. 45$/Monat. Billiger ging eigentlich nicht. Da wir zu zweit waren konnte der andere dann immer per Hotspot über den anderen mit ins Netz. Abdeckung haben alle Anbieter ihre vor- und Nachteile.
      Ich hab den ÜLA circuit und meine Frau den crown 60 von Granite gear. Sieht man beide oft am PCT. Baseweight lagen wir jeweils zwischen 6,5 und 7,5 kg. Abhängig ob mit Schneegear etc..
      Kannst gerne weitete Fragen per Mail schicken an mich. Stephan.berens@gmx.de

  7. WOOOOW!! Ich kann mir euer Gefühlschaos kaum vorstellen.Freude auf daheim, Traurig weil eine ganz besondere Zeit zu Ende geht, Stolz auf das Geschaffte, …? vor dem Alltag, bzw. etwas Neues für dich Stephan…
    Ansonsten mal wieder danke für Bericht und Bilder! Das wird mir fehlen!!
    Eine gute erfolgreiche schöne letzte Etappe!!
    Viele liebe Grüße aus Köln

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